Drei Wochen, Ende Oktober. Die staubige Trockenzeit steht an ihrem Wendepunkt, erste Gewitterlinien bauen sich am Horizont auf. Tim ist unterwegs, um Malawi von Norden nach Süden zu durchqueren. Nicht als Abfolge einzelner Lodges, sondern als durchgehende Bewegung durch Landschaft. Vom kühlen Hochland des Nyika-Plateaus über Wälder und Flusssysteme bis hinunter ins Rift Valley und an die Ufer des Lake Malawi. Malawi wirkt auf der Karte klein. Auf der Straße entfaltet es Tiefe.
Im Norden steigt das Land auf über 2.000 Meter an. Das Nyika-Plateau liegt weit und offen unter einem klaren Himmel. Morgens hängt Nebel in den Tälern, das Licht fällt flach über die Hügel. Antilopen stehen reglos im hohen Gras, als wären sie Teil der Topografie. Raubtiere bleiben unsichtbar. Hier geschieht nichts auf Kommando. Die Landschaft verlangt Geduld. Südlich davon verdichtet sich das Bild. Miombo-Wälder prägen das Terrain. Helle Baumstämme, staubige Böden, ein Blätterdach, das am Ende der Trockenzeit lichter geworden ist. Wasser wird zum Dreh- und Angelpunkt. Tiere ziehen dorthin, wo Flussläufe noch Feuchtigkeit halten. Elefanten folgen Routen, die älter sind als jede Straße. Bewegung entsteht nicht zufällig, sondern aus der Struktur des Landes. Mit sinkender Höhe verändert sich die Luft. Wärmer, schwerer. Das Rift Valley öffnet sich, der Horizont weitet sich erneut. In Liwonde wird der Shire River zur Lebenslinie. Flusspferde liegen dicht im Wasser, Elefanten treten aus dem Busch ans Ufer, Krokodile wärmen sich auf Sandbänken. Der Fluss ist kein Hintergrund. Er ist Zentrum. Ohne Wasser kein Leben. Weiter südlich steigen die Shire Highlands an. Teeplantagen ziehen präzise Linien über die Hänge. Nach der staubigen Ebene wirkt das Grün fast intensiv. Dörfer, Märkte, Felder. Wildnis und Alltag existieren nebeneinander. Malawi zeigt sich nicht als isoliertes Naturreservat, sondern als bewohnte Landschaft. Und dann der See. Der Lake Malawi breitet sich wie ein Binnenmeer aus. Der Horizont verschwindet im Dunst, Fischerboote gleiten im ersten Licht hinaus. Unter der Oberfläche lebt eine Vielfalt, die es nur hier gibt. Der See ist Lebensraum und Lebensgrundlage zugleich. Ende Oktober liegt das Land zwischen zwei Jahreszeiten. Die Trockenheit ist noch präsent, doch am Nachmittag türmen sich dunkle Wolken auf. Erste Gewitter entladen sich über den Hügeln. Grün kehrt zurück, zunächst zaghaft. Tiere nutzen die letzten konzentrierten Wasserstellen, bevor der Regen die Muster neu ordnet. Was auf dieser Reise sichtbar wird, ist kein dramatisches Spektakel. Malawi drängt sich nicht in den Vordergrund. Es erschließt sich in Übergängen. Von Hochland zu Tal. Von Wald zu Fluss. Von Savanne zu Süßwassermeer. Eine Nord-Süd-Durchquerung wird hier zu einer Lesung der Landschaft und zu einem stillen Verständnis dafür, wie eng Klima, Wasser, Tierwelt und Alltag miteinander verwoben sind.


